Notizbuch Christoph Wagner

Aphorismen & Gedanken

„Aphorismen sind die Würze des Lebens“, pflegte Christoph Wagner gerne zu sagen. Er schätzte und liebte diese Kunstform der pointierten Formulierung – sowohl als Leser als auch als Schriftsteller. Fast zwanghaft versuchte er alles, was er erlebt, gelesen, gegessen oder getrunken hatte, auf eine Pointe zuzuspitzen und so Gegenwärtiges für die Nachwelt aufzubewahren. Diese zu Papier gebrachten Gedanken reichen vom knappen Statement aus 3 Wörtern bis hin zum etwas weitläufigeren Essay. Das Spiel mit der Sprache war der Reiz. Ein Spiel, das kaum Interesse bei Verlegern fand und somit großteils unveröffentlicht, somit ohne Leserschaft blieb. Das soll sich jetzt ändern…

Teil 1: 9 unveröffentlichte kulinarische Gedanken

Kochbucharchitektur

Schön wäre es, wenn man Kochbücher betreten könnte wie Gebäude; und entlang der Zutaten darin umher spazieren könnte wie auf Treppen.

Ideale Rezepte

Es gibt für kein Gericht ein ideales Rezept. Es gibt nur ideale Details und Ideen, wie man es noch besser machen kann. Und genau danach fahnde ich.

Wort und Geschmack

Wenn dir das Wort fehlt, so bleibt dir immer noch sein Geschmack.

Auf der Jagd

Mir geht es wie einem Schmetterlingsfänger. Eigentlich sollte ich dauernd mit einem Netz hinter meinen herumflirrenden Gedanken her sein.

Literat

Ich bin vielleicht doch eher ein Literat als ein Degustator. Wobei das Wort Literat für mich zugegebenermaßen auch etwas mit Liter zu tun hat.

Ekel und Genuss

Eine der tiefschürfendsten Erkenntnisse über das Wesen der Kulinarik verdanke ich meinem Vater, der mir unlängst erzählte, er habe als junger Mann und fahrradfahrender Rompilger in einem Bauernhof bei Sorrent genächtigt, wo man ihm eine Schüssel mit weit über hundert Schnecken als Abendessen anbot, die er mit einer Sicherheitsnadel auspuhlen und essen musste. Seine Erfahrung: „Ich habe mich damals durch den Ekel hindurch bis zum Genuss gegessen.“

Wesen des Genusses

Die Wahrheit über die unendliche Vielfalt der Welt erfährt man am besten durch die Beobachtung jener Vorgänge, die sich ständig zu gleichen scheinen. So ist auch nicht jener der noch so erfahrene Gourmet, der überall auf der Welt schon alles gegessen hat, sondern jener, dem es beispielsweise gelungen ist, das Wesen des Genusses am Beispiel einiger weniger Gerichte (ich denke an Forelle Blau, Wiener Schnitzel, Eierspeis, Butterschnitzel, Erdäpfelsalat, Tomatensauce etc.) vollständig zu erfassen und die Geheimnisse, die sich hinter diesem Genuss verbergen, zu enträtseln. (Ein Ziel, von dem ich notabene noch immer weit entfernt bin).
Worum geht es dabei? — Es gilt die Grundvorgänge des Garens und Zubereitens, man könnte auch sagen, die Metamorphosen des Stofflich-Schmeckbaren, nicht nur technisch-physiologisch, sondern auf ihre Wahrhaftigkeit und damit die ihnen zugrunde liegende Funktion im Kreislauf der Dinge zu durchschauen und dabei — wie immer, wenn man mit Lebendigem zu tun hat — die Seinsfrage zu stellen.

Innereien

Was fasziniert mich am Genuss von Innereien? — Die Hoffnung auf einen Blick in die Tiefe?

Zeitrechnung

Mitunter beschleicht mich das Gefühl, dass ich, obwohl Jahrgang 1954, einer einer der letzten Überlebenden des neunzehnten Jahrhunderts bin.