Notizbuch Christoph Wagner mit rotem Lesezeichen

Aphorismen & Gedanken: Über Musik & Kochkunst

„Aphorismen sind die Würze des Lebens“, pflegte Christoph Wagner gerne zu sagen. Er schätzte und liebte diese Kunstform der pointierten Formulierung – sowohl als Leser als auch als Schriftsteller. Fast zwanghaft versuchte er alles, was er erlebt, gelesen, gegessen oder getrunken hatte, auf eine Pointe zuzuspitzen und so Gegenwärtiges für die Nachwelt aufzubewahren. Diese zu Papier gebrachten Gedanken reichen vom knappen Statement aus 3 Wörtern bis hin zum etwas weitläufigeren Essay. Das Spiel mit der Sprache war der Reiz. Ein Spiel, das kaum Interesse bei Verlegern fand und somit großteils unveröffentlicht, somit ohne Leserschaft blieb. Das soll sich jetzt ändern…

Unveröffentlichter Gedanke von Christoph Wagner:

Musik und Kochkunst

„Die Musik hat mit der Kochkunst gemeinsam, dass es strenggenommen jeweils nur ein spezifischer Sinn ist, der von beiden angesprochen wird. Gewiss hört (im Konzert, vor allem aber auch in der Oper) das Auge bei der Musik ebenso mit, wie es bei Tische mitisst. Dennoch sind Töne und Aromen die einzigen Dinge, die man auch mit geschlossenen Augen genießen kann.

Das Thema Tafelmusik ist daher auch ganz besonders heikel, weil das eine stets geneigt und auch geeignet ist, um die Konzentration vom jeweils anderen abzulenken. Dennoch scheint es mir aufgrund der schwelgerischen Verwandtschaft der beiden Disziplinen zu rigide, die Forderung aufzustellen, dass beim Essen nicht Musik gehört und beim Musikhören nicht gegessen werden darf. Das mag noch angegangen sein, als Musik grundsätzlich ebenso live war, wie frisch gekocht wurde. Damals wäre es eine Beleidigung für die Musiker gewesen, die Aufmerksamkeit allzu sehr auf die Kunst der (im Saal nicht anwesenden) Köche zu lenken, die wiederum mit Recht um ihre Gerichte fürchteten, wenn das Publikum allzu sehr den musikalischen Genüssen zusprach.

Heute kann man das lockerer sehen. Ich finde nichts dabei, konservierte Musik zum Kochen zu hören, und sie hilft mir oft, ein langweiliges Essen besser zu verdauen. Sie ist aber auch in der Lage, ein perfektes Essen nicht nur zu untermalen, sondern erst recht zu einem unverwechselbaren Genuss zu machen. (Das Lamm provençale ist dann plötzlich nicht mehr nur noch ein Lamm provençale, sondern jenes Lamm provençale, zu dem wir damals die „Meistersinger“ hörten.)

Ob man zum Essen tatsächlich die „Meistersinger“ oder lieber, wie mein verstorbener Freund Peter Breitschopf zu sagen pflegte, „allenfalls Lanner“ hören sollte, scheint mir eine Sache zu sein, über welche die Tischpartner Übereinkunft zu erzielen haben. Keinesfalls sollte jemand im Raum sein, der zum Anhören einer bestimmten, von ihm nicht geliebten Musik gezwungen wird. Auch liebende Partner sollten bei der Musikauswahl höchstmögliches Verständnis walten lassen. Nicht jede Musik verträgt sich zu jeder Zeit und zu jedem Gericht mit jedermanns Gemüt. Meine Frau hört beispielsweise, wie auch ich, mit großer Leidenschaft Puccini-Opern. Meine Leidenschaft dafür ist allerdings insofern noch größer, als mir Puccini schon lange vor seinen letalen Schlüssen, ja oft schon nach den ersten Takten die Tränen in die Augen treibt, was nicht nur die Konversation ins Stocken bringt, sondern auch manche Sauce verwässert. Und während meine Frau beispielsweise keine Probleme hat, Chopins Klavierkonzerte von der Lachsforelle über die mit Gänseleber gefüllte Wachtel bis hin zur Surstelze schlichtweg mit allem zu kombinieren, würde ich zur Forelle (nein, nicht Schubert, das wäre zu nahe liegend) lieber Mendelssohns „Italienischer“, zur Wachtel mit großer Freude Griegs „Peer-Gynt-Suite“ und zur Stelze mit entsprechender Emphase Beethovens „Neunte“ hören, drei Stücke, auf die meine Frau gar nicht anspricht (vermutlich deshalb, weil ich sie fast noch öfter aufgelegt habe als sie Chopins Klavierkonzerte).

Es muss also, gleichwie, ein Kompromiss gefunden werden, der bei uns Anton Bruckner heißt. Gleichgültig, was auf den Tisch kommt und wie wir gelaunt sind: Bruckner funktioniert immer.

Was das rechte Verständnis von Musik anlangt, so hat Freund Peter mit seinem „allenfalls Lanner“ schon recht, soweit man davon ausgeht, dass Musik nur dazu da ist, um verstanden zu werden. Ich finde jedoch, ähnlich wie Oskar Wilde bei den Frauen, dass auch Musik nicht (oder nicht in erster Linie) dazu da ist, um verstanden, sondern um genossen zu werden. Und da bin ich einer „Parallelverkostung“ essbarer und hörbarer Genüsse nun einmal alles andere als abhold.

Mittlerweile kommt immer häufiger nicht nur die Musik aus der Konserve, sondern auch das Essen, was vielleicht auch der Grund ist, warum eine ganze Generation offensichtlichen Genuss dabei findet, Junk durch den Mund und gleichzeitig auch durch die — verstoppelten — Ohren zu sich zu nehmen. Ich finde das im übrigen, im Gegensatz zu manch naserümpfendem Kulturpessimisten, gar nicht weiter schlimm. Denn wer wie und in welcher Kombination genießt, das sollte sich ein souveräner und selbständig denkender Mensch von einem anderen in keiner Weise vorschreiben lassen, schon gar nicht von einem klassiknärrischen Gourmetkritiker.“

(Bisher unveröffentlichter Gedanke von Christoph Wagner aus seinem Nachlass.)